Boston-Marathon 2008 Teil 3: Das Finish - Marathon ist wahrlich das (aller) GRÖSSTE!

24.04.2008

Und jetzt kommt der Welsely College Wahnsinn. Du hörst die Mädchen dieser Uni schon 1km, bevor du sie sehen kannst. "I'm looking for a man with endurance!" und "Kiss me!" fordern zum kommunizieren auf. Ich laufe mit gutem Rhythmus an diesen hunderten kreischenden Mädchen vorbei...

Die 15km-Marke erreichte ich dann doch ganz flott. Pah, ein Drittel... Nachdenken, wie es mir grad geht, darf ich nicht. Es ist aber auch ein Traumwetter. Strahlend blauer Himmel. An jeder Wasserstelle - und die kommen alle 2 Meilen - nehme ich 2 Becher für den Kopf. Jedesmal gibt mir das einen neuen Schub. Ich brauche jetzt schon vor Kilometer 20 diesen Push. Huih, ich bin flott losgerannt. Gatorade gibt es auch, lasse ich stehen. Ich renne! Verrückt, ich mache ein Marathon-Rennen. Ich habe dieses Jahr nicht den Easy-Jogg angeschlagen wie 2007.

Jens Karraß Boston

Ich bin in eine Story reingerutscht. Sicher kennt das jeder: Du machst alles pflichtbewußt - jeden Tag und immer wieder arbeitest Du einfach zu viel und zu lange. Und vernachlässigst Dich dabei selbst am meisten. Ich habe zu lange den Teil von mir vernachlässigt, der nunmal das meiste von mir ausmacht: Das Laufen. Laufen, rennen - atmen. Jede Faser spüren, Grenzen angehen, überspringen. Risiko und Lohn - wie im richtigen Leben. Genau: Denn auch Niederlagen gehören dazu. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Und wer zuviel wagt, der verliert auch mal. Oder zweimal. Oder öfter. Aber es ist real, es passiert, weil ich es selbst angestossen habe. Ich will jetzt hier in Boston nicht wieder einen Marathon-Jogg machen. Ich hab' das Rennen nicht vorbereitet. Aber nach den nun fast 30 Jahren Läuferleben, da kommen in jeder weiteren Marathonminute, die vergeht, mehr Erinnerungen zurück. Ich bekomme nicht viel von mir ringsherum mit. Ich nehme die Läufer, anders als bei Jogging-Läufen, nicht mehr direkt war. Nur so ein saublödes Hemd "See ya!". Das zieht an mir vorbei. Das nervt. Es ziehen viele an mir vorbei. Ich muss easy durchatmen. Sportler Karraß wird nicht gerne überholt. Aber wunderbar, dieses demütige Gefühl, dass ich jetzt schon spüre. Ich bin voll in diesem Marathon drin. Die Uhr im Ziel am Hancock Building tickt unbeirrbar. Tick. Und tack. Und Horden von Onliner-Fans sehen sicher alle Zwischenzeiten live, wie ich sie jetzt hier gerade fabriziere. Noch geht's. Und jetzt kommt der Welsely College Wahnsinn. Du hörst die Mädchen dieser Uni schon 1km, bevor du sie sehen kannst. "I'm looking for a man with endurance!" und "Kiss me!" fordern zum kommunizieren auf. Ich laufe mit gutem Rhythmus an diesen hunderten kreischenden Mädchen vorbei und küsse jede einzelne. Ha! ;-) Nee, keine Zeit, die Uhr tickt doch und ich bin heute in einem Rennen, da hält man nicht an. Boh, das gibt aber wirklich Power. Wir sind dran vorbei, gleich kommt die Halbmarathonmarke und es schmerzt das rechte Ohr wie nach einem Rockkonzert. Gekreischt wurde von rechts. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird es nicht glauben. Aber die Organisatoren selbst hingen ein Banner vor dem College auf "Put your Earbraces on!". Die Zwischenzeit ist 1:28h - ich staune, ich bin immer noch ganz gut unterwegs. Zum Glück geht meine Uhr nicht, das passt in dieses Rennen schon ganz gut rein. Aber jetzt geht's los.Ich bekomme Probleme. Meine Beine werden schwer.Ich verändere meinen Schritt. Ich mogele mich durch. Berghoch wird's übel. Mir ist übel. Hälfte rum. Ich denke, wie komme ich jetzt aus dieser Sache raus? Bus? Walk? Jens, raus aus dem Körper, raus aus dem Kopf, raus aus den tausenden Gedanken, die "aufhören" sagen wollen. Schau nach vorne. Wo gibt es Wasser? Schritt für Schritt. Mann ist das übel. Tolles Ding, das Anfangstempo. Jetzt ist der Marathon da. Und jetzt gibt es kleine Marathonengel für mich. Einer hinter dem anderen stehen sie aufgereiht auf der linken Seite. Powergel. Ich nehme sowas nicht! Vanilla. Apple. Chocolade. Oder? Ahhhhhh. Gib her! Thank you! Was Fruchtiges. Muss ne rote Beere sein. Schmeckt zumindest nach rot. Und sofort habe ich wieder Kraft. Ist ja Blödsinn. Aber es geht weiter. 25km - immer noch auf unter 3h. Häh!? Ich glaube das jetzt schon selbst nicht mehr, es ist mir auch egal. Das macht jetzt nur noch Spaß. Torture - Qual - Überleben. Hört sich hart an, ist auch hart, aber es ist okay! Echt! Mittendrin in dieser Läuferschlange, mittlerweile haben wir alle das selbe Tempo, bis auf die, die jetzt schon reihenweise am Rand stehen und mit Krämpfen kämpfen. Ich habe jetzt noch 17km. Das ist die Distanz, die mein längster Trainingslauf vor Boston war. Soll man nicht nachmachen. Geht nur als Guru. 

 
 
Jens Karraß

Ich krieche nur noch. So kommt es mir vor. "Goodbye my lover" schiesst durch meinen Kopf und ich überlege,ob ich meinen i-pod aktiviere, der in der hinteren Hosentasche mitwackelt. Aber ".. you have been the one for me…" klopft auch schon so durch meinen Körper, ich brauche keine Musik auf den Ohren. Im Bus zum Start plante ich es noch, aber seit dem Startschuss in Block 1 ist alles anders. Der i-pod ist sowieso abgesoffen. Ne kaputte Uhr für 300 Euro reicht meinem sensiblen Marathonseelchen aber auch schon aus. Will das gar nicht wissen… "I guess it's time I run far, far away - find comfort in pain.." James Blunt is with me. "It's just Tears and Rain". Das bringt mich bis zur Bergkette, inklusive dem Heartbreakhill. Ich gehe sie hoch, ich spare Kraft, ich bin kurz vor Krämpfen. Ich kann das zum Glück schon ne halbe Stunde vorher spüren. Und bin demütig. Ich werde hier jetzt nichts kaputt machen. Mein Kopf ist im High. Es tut so geil weh. Angenehm. Sehr angehm. Weil es immer noch vorwärts geht. Mein Hemd ist voller Blut, das sieht aber nur nach Krieg aus, ist aber eher soft gegen das Blut in meinen Schuhen. Ja, auch hier noch einen drauf. Mann, habe ich Blasen. Ich muss fast schon lachen. Jetzt fehlt nur noch Durchfall und Kollaps, dann ist alles wie früher, als es noch um Preisgeld oder die Ehre ging. Minniemouse überholt mich immer wieder, wenn ich den Berg hochgehe, aber bergab, wenn ich wieder richtig "rennen" kann, da hole ich diesen üblen Japaner in Kostüm immer wieder ein. Bizzar!!! Meile 23,5: Wieder Wasserstand und ich nehme meine halbe Minute Pause mit Wasser übern Kopf und seit einigen Meilen trinke ich nun auch mein Gatorade. Trinken ist zu wenig gesagt. Orgie!!! ;-) Und da tippt mir Schwager Scotti auf die Schulter und sagt in seinem angelernten Deutsch: "Nein, Jensi. Laufen, nicht gehen!" Und ist ruckizucki auf der anderen Straßenseite und weg. Top! Das beste was mir passieren konnte.Noch gut 2 Meilen Wettkampf, ich bin wieder wach. Ich hole ihn ein und kämpfe. Ich halte am letzten Gatoradestand nicht an. 

 
 
JK


Wow, das ist hart. Aber Scotti kriegt mich nicht. Bisschen lachen muss ich aber auch: Wie sich doch Ziele im Leben eines Läufers ändern können…. Tja und dann kommt dann doch endlich die lange Zielgerade auf Beaconstreet. Ja, ja, ja. 3:10:21h. Drei, vier Minuten nach dem Zieleinlauf kommt die Realität langsam wieder zu mir zurück. Dass ich in Boston bin, gerade 42km in Sommerhitze viel zu schnell gerannt bin. Meine Tochter mir da gerade zugewinkt hatte, in Deutschland jetzt nen paar Leute wissen wollen, wie es ging. " Also, lauf locker und leicht und hab Spass und nicht quälen: ist verboten. Für mich brauchste keine gute Zeit rennen - ich kenn' ja Deine alten, das reicht!" Und ich bin in einer anderen Welt. Mit diesem Ritt, der soviel schlechter ist,als ich sein müßte, aber soviel schneller war, als ich Moment laufen sollte. Es war ein Ritt zwischen zwei Welten. Und ich bin froh, traurig, stolz und ganz, ganz klein. Marathon ist das GRÖSSTE!

 
 
 
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