JK RUNNING Geschichten: Ehrliches Laufen

Jens  Karraß, 18.06.2020

Als ich begann, gab es Laufschuhe aus Kunstleder. Die Sohle war eine durchgehende Plastikscheibe, sie bog sich, aber nur widerwillig. Sehr verbreitet waren auch Stofflaufschuhe. Die Wettkampfschuhe, Spikes genannt, die ich 1981 anzog, sind heute tatsächlich aus einem anderen Jahrhundert, es mutet aber fast wie ein Jahrtausend an. Digitaluhren gab es nicht. Stoppuhren, die silbernen, riesigen, mit einem Startknopf, analoge Zeiger, Minuten auf einer Skala abzulesen, gab es wenige. Meine Eltern brauchten zwei Weihnachtsfeste, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Was Little Jens dann lernte war, dass diese Uhren sofort nachgehen, wenn man sie auf einen Lauf mitnimmt. Laufen war bis dahin für das Stadion und die Uhren für die Kampfrichter – offizielle Zeitnehmer im Ziel – gemacht. Also lief ich dann doch wieder mit der normalen Armbanduhr, aber die beschlug und auch die ging nach. Also eigentlich ohne Uhr, ohne Regenjacke, ja – man wurde triefend nass, damals. Enge Tights – eine Art Aerobic-Hose á la Jane Fonda, aus 100 Prozent Baumwolle, war schon ein Kassenschlager, immer schwer zu bekommen und im Regen eine wahre Pracht. Aber wir haben es genossen. Wir waren stolz auf diese Dinger. Und der Coach hatte aus dem Westen als einer der ersten eine Digitaluhr. Laufen wurde in Ziffern abbildbar. Nicht in „der Zeiger ist 48 Mal über die 12 gelaufen und der Sekundenzeiger ist - - -  Jetzt! --- genau bei 32“ Nein, Coach konnte die Zeit anhalten. Er konnte die Zeit anhalten! 48 Doppelpunkt 32. Wahnsinn. Meine Laufzeit steht da – die Kristalle zeigen 48:32’ an. Eine gute 12km Zeit für einen 13jährigen. Im Wald. 

Was wir auch konnten, einige besser als andere und ich besonders gut: Genau spüren, wie schnell man läuft. Wir wussten damals, was wir können. Wir wussten, wie sich bestimmte Rhythmen im Kopf anhören müssen, wie lang der Schritt sein muss und wie stark der Abdruck, um eine ganz bestimmte Zeit, ein bestimmtes Tempo zu treffen. Ohne Uhr in den Wald 12 Kilometer laufen. Und am Ende stimmt beides: Die Streckenlänge und der Kilometerschnitt. Noch frappierender war es, im Stadion ohne Uhr Tempoläufe auf den Punkt zu bringen. Erste Ansage des Trainers bei 400m. Und? Na? Ja, genau richtig 72’’. Es sollen 1.000er in 3:00’ werden. Jetzt so in diesem Schritt weiter. Grade bleiben, Windrichtung beachten und leicht einsetzende Müdigkeit berechnet, also einen kleinen Tick zugelegt. 2:59,8’. Es ging ohne Uhr. Es waren Zehntel, die wir daneben lagen. Laufen gespürt, uns gespürt. Vertrauen gefunden, ins Knie, den Po, die Lunge und den richtigen Abdruck, gepaart mit der richtigen Schrittfrequenz. 

Irgendwann kam dann auch mein Weihnachten: Digitaluhr aus dem Westen. Mit Stoppuhrfunktion! Der 25.12. war trainingsfrei. Es wurde gestoppt, was das Zeug hält und ich konnte es nicht erwarten am 26. in den Wald zu kommen. Meine Zeit in Zahlen! Kurze Freude, halbe Stunde ungefähr. Wasserstand im Baumwollanzug hoch, Uhr nicht wasserdicht. Komplettausfall. Das geht nicht. Zwei Läufe noch mit Uhr über dem Ärmel, aber auch da schläft das Display ein, wenn es Winter draußen ist. Schwere Sache.

Okay, irgendwann, 1987, hatte ich dann meine erste echte, gute Casio. Selbstgekauft in Birmingham, zu Besuch im Westen, als Mitglied der DDR-Nationalmannschaft, Junioren-Europameisterschaften. Diese Uhr habe ich geliebt. Sie war meine Freundin, meine Partnerin. Sie wusste alles und sagte mir auch, ob alles okay ist. Viele Läufe trug ich sie auch nur und holte mir bei meinen selbst festgelegten Kilometermarken Bestätigung, dass der Rhythmus heute stimmt. Ja, wir haben unsere Marken im Wald selbst gefunden: Immer wieder die gleiche Tour, Gespür, wie stimmt das alles? Der Wald wurde so ziemlich seziert, bis jeder Meter stimmte. Ohne GPS und ohne Tachos. Selber, ehrlich. Lunge an Herz. Herz an Oberschenkel. Oberschenkel an Fuß… 

 Was hätte ich für eine GPS Uhr damals gegeben? Alles! Aber mein ehrliches Laufen hätte ich vielleicht nicht kennen gelernt? Eine technisierte Freizeitbeschäftigung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gleiche Gefühl für Fortbewegung aus dem tiefsten Inneren antrainiert werden kann, wenn ständig alles abrufbar von außen auf einen einwirkt. Die Autorität der Garmins erstickt jedes Selbstvertrauen in das eigene Laufgefühl. Am Ende genau die Streckenlänge zu wissen, ist wunderbar. Aber fast sekündlich auf die derzeitig gelaufene Geschwindigkeit zu schielen entmündigt den Läufer in uns. Und Phänomene machen sich breit: Auf amtlich vermessenen Marathonkursen wie Berlin, bringt GPS durch seine im Normalfall vernachlässigbare Abweichung sonst auch normal denkende Läufer zu Rechenübungen, die mich schmunzeln bis laut lachen lassen: Ich bin doch unter 4.00h geblieben, weil ich 43,5km gelaufen bin… Das hätte es früher nicht gegeben. Laufen – Natur – ehrlich? 

Und beim nächsten Mal dann mehr zu Nasenpflaster, Kompressionsstrümpfen und EPO. Lasst mir meine Kinder und Jugendspartakiade auf Aschenbahn, im Regen mit 10cm Wasser in der Südkurve. Bitte. Und dann rennen wir noch alle Bestzeiten. Echte, eigene. Stolze. 

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